Der Satz "Es darf keine Denkverbote geben" hat sich ebenso wie "Das Internet ist kein rechtsfreier Raum" oder die "Alternativlosigkeit" aller Vorhaben mittlerweile fest im Neusprech-Vokabular deutscher Politiker verankert. Auch hier ist die eigentliche Aussage so einfach und unumstritten, dass ihr wohl kaum Jemand widersprechen kann. Die Gedanken sind frei, das menschliche Denken kennt keine rechtlichen oder tatsächlichen Grenzen und solange es keine funktionierenden Gedankenleser gibt, wird das glücklicherweise auch so bleiben.
Was Merkel und Co. jedoch beim Aussprechen dieses Satzes ausdrücken wollen, ist etwas Anderes. Es geht im Bundestag nicht um Gedanken oder die konkrete Gedankenwelt einzelner Politiker, sondern um konkrete politische Forderungen. Nun sind auch hier relativ weite Grenzen gesetzt. Alles, was im Rahmen des Grundgesetzes legal wäre, kann man als Politiker theoretisch auch fordern. Jedoch gibt es wie in jeder Gesellschaft auch bei uns Tabus, die einerseits durch die Menschenrechte und das Grundgesetz, andererseits durch Traditionen und andere geschichtlich gewachsene Gebilde abgesteckt sind. Das durchbrechen eines dieser Tabus oder einer anderen gefühlten Grenze wird logischerweise zumindest von nicht unerheblichen Teilen der Wähler mit Empörung aufgenommen, weswegen man es sich als Politiker gut überlegen sollte, diese zu durchbrechen.
Gut, dass die schwarz-geldenen Politiker eine einfache Formel gefunden haben, um mit dieser Situation umzugehen. Wer gegen bestimmte Forderungen angeht, die eben Tabus durchbrechen, dem wird implizit vorgeworfen, in die Gedankenfreiheit des fordernden Politikers einzugreifen.
Wer die Sprache definiert bzw. kontrolliert, hat auch großen Einfluss auf das Denken der Menschen. Deshalb ist es gerade in Auseinandersetzungen wie denen zwischen Kunden Musik- und Filmindustrie den Kontrahenten wichtig, Einfluss auf die alltägliche Sprache zu nehmen. Mit Begriffen wie "Raubkopierer" ist das der Industrie weitgehend gelungen, wobei bei der Gegenseite (uns) Begriffe wie "Filesharer" und das ironische "Raubmordkopierer" verwendet werden.
Zwei Begriffe sind mir in der Diskussion um imaginäre Schadenssummen und neue Gesetze besonders negativ aufgefallen: "Kreative und Kulturschaffende.
Beide Begriffe versuchen in gewissem Umfang, bestimmte Funktionen und Attribute auf eine bestimmte Gruppe - nämlich die von den Großen Filmstudios bzw. Labels Personen - einzugrenzen. Die Aussage dahinter ist klar: Nur wer bei uns produziert und damit Geld verdient, ist kreativ bzw. trägt zur Kultur bei. Der Rest der Bevölkerung ist im Umkehrschluss ein passiver Konsument, der weder über Kreativität verfügt, noch zur Kultur beiträgt. Doch ist dem wirklich so?
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Kreativität der Firmen, die diese Begriffe für sich reklamieren von sich aus stark begrenzt ist. Sie beschränkt sich auf die Auswahl und Vermarktung von Produkten, die an sich einem kreativen Prozess entsprungen sein können, aber nicht zwingend müssen. (Man beachte hier auch einige der letzten Chart-Hits als Beispiel) Natürlich hat die Industrie auch kein Monopol auf Kreativität und diese muss auch nicht kommerziell organisiert sein, um als solche anerkannt zu werden. Aus eigener Erfahrung würde ich sogar unterstellen, dass nichtkommerziell arbeitende Künstler oftmals die Kreativeren sind, da sie sich nicht an der Mainstream-Nachfrage orientieren müssen.
Ähnliches gilt auch für den Kulturbegriff, hier möchte ich mal die ersten Zeilen des entsprechenden Wikipediaartikels bemühen:
Kultur (zu Lateinisch cultura, „Bearbeitung“, „Pflege“, „Ackerbau“, von colere, „wohnen“, „pflegen“, „den Acker bestellen“) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik, der Bildenden Kunst, aber auch geistiger Gebilde wie etwa im Recht, in der Moral, der Religion, der Wirtschaft und der Wissenschaft.
Hier kann man also sagen, dass nahezu jeder Mensch durch seine Handlungen bzw. Leistungen zur Kultur beiträgt und dieses sich keineswegs auf die Klientel der Industrie beschränkt. Diese ist bisher jedoch mit dieser Sprache sehr erfolgreich darin, Politikern und der Öffentlichkeit vorzugaukeln, ohne strengere Urheberrechtsgesetze gingen uns Kultur und Kreativität verloren.